Akira Der Kopfgeldjaeger - Prolog - DE06 WIP
2164
Es waren Zehn Jahre, Sieben Monate und Achtzehn Tage vergangen, seitdem wir den Hybriden das Leben schenkten. Zwischenzeitlich hatte sich viel verändert, außer dem Militär und uns lebten nun weit mehr als hundert weitere Menschen unter dem Time Square. Die Nachricht über die Hybriden hatte die Grenze der USA verlassen, auch wenn viele Regierungen eher skeptisch dieser Operation entgegen standen, glaubten doch viele von ihnen an uns. Weltweit schickten vereinzelte Regierungen ihr Personal und Ressourcen nach New York. Das alles zu koordinieren, ohne dabei entdeckt zu werden, muss für den General die Hölle gewesen sein. Am Ende hatten wir mehr Techniker und Ingenieure als Soldaten hier unten. Sie halfen uns zwar in einen anderen Sektor ein Großraumlabor zu einzurichten
Doch brachte diese hohe Anzahl an Menschen ein großes Risiko entdeckt zu werden mit sich, so koordinierte das US-Militär jeden Schritt und übernahm wie in einer Militär-Diktatur die vollständige Kontrolle über dieses Terrain. So musste aus Platz-Mangel und strategischer Not unser Labor einem Besprechungsraum weichen, was die hochrangigen Militärs für ihre strategischen Zwecken nutzten. Mit seinen Zentimeter dicken Stahl-Ummantelungen, war der alte Luftschutzbunker ideal für diesen Zweck. Wir hingegen mussten uns in einen viel zu kleinen Transformator-Raum niederlassen. Der Raum war selbst mit nur drei Wissenschaftlern restlos überfüllt, um dort arbeiten zu können, musste sich ein Wissenschaftler vor der Tür platzieren. Wir machten das Beste aus dieser prekären Lage und arbeiteten in Schichten. Johnson und ich arbeiten morgens bis mittags und Smith bekam die Nachmittagsschicht.
Wir hörten immer öfter, dass sich die Lage an der Planetenoberfläche verschlimmert hatte. Ein ganzes Bataillon der Wölfe kontrollierte seit einigen Monaten jeden Stadtteil von New Yersey und New York. Diese Kontrollen fanden weltweit wieder vermehr statt. Ob diese Aliens wussten, was wir planten, ob sie von den Hybriden wussten? Um ein Fiasko zu vermeiden, fanden immer öfter Personenkontrollen und Befragungen statt. Wir hielten die Maßnahmen am Anfang noch für übertrieben, doch nach einigen Wochen erfuhren wir den Grund für diesen Wahn.
Einer der Techniker schien für die Singarti zu arbeiten und hatte Informationen nach draußen bringen wollen. Als derjenige ertappt wurde, schoss der General ihm höchstpersönlich eine Kugel zwischen die Augen. Ich war einsetzt über die Exekution, es gab kein Verfahren nicht einmal konnte derjenige Stellung nehmen. Er war vielleicht ein Verräter, aber war er immerhin noch ein Mensch, doch das zählte hier unten nicht. Binnen Minuten wurde er getötet und entsorgt. Die Leiche hat niemand von uns gesehen, lediglich einen Schuss und viele Gerüchte das hörten wir hier unten.
Ich hatte eine schon leichte Paranoia, dass so etwas auch mit uns geschehen könnte, immerhin wussten wir nicht nur von dieser Basis, auch hatten wir direkt mit den Hybriden zu tun und wussten so ziemlich alles über sie. Wenn wir den Singarti in die Hände fallen würden, hätte der General keine Bedenken, alles in die Luft zu sprengen, denn das Wissen über die Hybriden könnte den Singarti helfen, noch mächtiger zu werden. Die Chancen, den Planten von den Wölfen zu befreien, würde weiter drastisch sinken und so blieb uns nur eins. Wir mussten alles ertragen, was das Militär von uns wollte, selbst wenn es unsere Meinungsfreiheit und Grundrechte einschränken würde. So gab es ab achtzehn Uhr eine Ausgangssperre für alle Zivilisten, zudem sollte man sich in seinem Quartieren befinden.
Immerhin hatten wir nicht mehr viele Karten in der Hand. Unser Blatt lag bereits gut sichtbar auf dem Tisch nur unser letztes Ass könnte die Wendung dieses Krieges bedeuten. Ohne eine Miene zu verziehen, gehorchten wir den militärischen Anweisungen. Unser Fokus lag nur auf den ersten zehn Hybriden, diese waren zwar keine richtigen Menschen doch veränderten sie unser Leben, denn sie waren die einzigen Kinder hier unten. Zwar wurden diese unter militärischen Drill erzogen, doch waren es, wenn auch nicht äußerlich erkennbar, innerlich Kinder. Zwar rauften und spielten sie eher wie Hunde, als wie normale Kinder, doch ihr Toben und ihr Lachen hatte etwas Beruhigendes, was mich und die anderen von unserer Arbeit ablenkte. Auch wenn es sich merkwürdig anhört, brachten diese Halbmenschen das menschliche Leben zurück unter dem Time Square.
Doch was war in der Zwischenzeit aus Dr. Tado geworden?
Dieser verrückte Japaner hatte sich in einem Tunnel der alten New Yorker U-Bahn ein Dojo errichtet. In seiner Freizeit sammelte er altes Holz, das er in den vielen Schächten fand, den Rest ließ er Schmuggeln, indem er einige Soldaten bestach. Zusammen mit anderen Asiaten baute er aus diesem Schrott ein richtiges Haus. Von außen sah es nicht sehr besonders aus, es wirkte fast schon einsturzgefährdet. Nur eine alte stark gealterte Buddha-Statue am Eingang und die Schiebetüren verritten einen Ortsfremden, dass es sich hierbei um ein asiatisches geprägtes Gebäude handelte. Als ich es das erste Mal betrat, fiel mir der feinverarbeite Holzboden auf. Ich konnte es kaum glauben, die Holzdielen waren fein säuberlich verarbeitet und wirken wie neu. Ich fragte mich, wie man dieses uralte Holz so verarbeiten konnte, dass es neu aussah, immerhin lagen die New Yorker U-Bahnen seit hundert Jahren still. Was ich auch nicht wusste, war das man in einem Dojo die Schuhe auszieht. So wurde ich förmlich von Daisuke vertrieben, als er sah dass ich mit Schuhen auf dem Holzboden stand. Ich kannte Dr. Tado nun eine Ewigkeit, hätte allerdings nie gedacht, dass er mir mit seiner Samurai-Rüstung einen so großen Schrecken bereiten würde, dass ich fast nach unten gefallen wäre. Er entschuldigte sich zwar für sein Verhalten, wies mich aber auf die Verhaltensregeln in einem Dojo hin. So müsse ich die Schuhe ausziehen und ich müsse mich in Richtung des Shōmen verbeugen. Damit war die Vorderseite gemeint. Tado meinte, so zeuge man seinen Respekt und würde sich den Regeln unterwerfen. Zudem sollte ich auf die Sitzordnung achten. Ich sollte mich in der Nähe der Tür hinsetzten, während der Doktor weit davon entfernt saß.
Es stellte sich heraus, dass unser Dr. Tado nicht nur die Genetik, sondern auch einige Kampfkünste beherrschte. Er war schließlich der der Großmeister hier. Doch das war nicht das Ungewöhnlichste in diesem Dojo. Als ich meine Schuhe auszog bemerkte ich kleine Stiefel, die neben denen von Tado standen, ich dachte mir nichts weiter dabei. Erst als ich den Raum betrat und einen Hybriden entdeckte der zwischen einigen Asiaten saß, fiel es mir wie Schuppen von den Augen. Mir sind Gerüchte zu Ohren gekommen, dass Tado kurz vor der Ausgangsperre einen Hybriden in seinem Dojo trainieren würde. Ich hielt das anfangs für Geschwätz, um den Doktor schlecht zu reden. Doch hier saß ein Halbmensch mitten unter uns. Jetzt ergaben auch die Schuhe Sinn, die ich im Vorraum gesehen hatte. Es war auch nicht irgendein Hybride, sondern der Sonderling mit der besonderen Fell und Iris Farbe.
Um noch einen drauf zu setzten, rief der Doktor den Hybriden beim Name.
Akira, so hatte Tado ihn genannt, eigentlich nicht verwunderlich, immerhin hatte man allen Hybriden einen Rufnamen anstelle einer Nummer gegeben, doch hatten die meisten einen eher militärischen Namen wie Kellion, benannt nach dem Schlachtkreuzer USS Kellion, die beim Angriff der Singarti zerstört wurde. Ein japanischer Name war an sich nichts schlimmes, doch dachte ich eher an die Yamato oder die Musashi, als an den Namen Akira. Ich bin mir nicht mal sicher ob Akira überhaupt etwas Militärisches an sich hatte. Der Hybride lief mit seinem schwarzen Anzug auf Dr. Tado zu.
„Michael haben sie keine Angst“ rief er mir aus seiner Rüstung zu. Tado und der Hybride verbeugeten sich kurz, dann griff er den Hybriden mit einem Übungsschwert an.
Fast mühelos konnte dieser den Angriffen Daisukes ausweichen „Sehen sie Michael, ich trainiere Akira grade einmal eine Woche und schon kann er jedem Angriff ausweichen“ erzähle er mir übermutig
Es war erstaunlich einen Hybriden in Aktion zu sehen, ich durfte einmal die Hybriden beim Lernen beobachten, das war allerdings nichts im Vergleich zu diesem Spektakel.
Anschließend blieb Dr. Tado stehen und sagte etwas auf Japanisch, der Hybride nickte nur wiederwillig und entwaffnete Tado binnen Sekunden. Ich war verblüfft, wie schnell diese Entwaffnung ging. Der Hybride war grade einmal zehn Jahre alt und groß war er auch nicht, allerdings hatte er wie alle Hybriden ein großes Kraftpotential. Tado legte das Schwert beiseite und holte ein einfaches Holzbrett hervor. Der Hybride verstand sofort was er von ihm wollte, mit nur einem Schlag zerschmetterte Akira das Brett.
Anschließend standen beide gegenüber und verbeugten sich, das Spektakel war zu Ende. Nun verbeugte sich die anderen vor Tado und verließen langsam das Dojo. Akira und Tado schienen sich noch über etwas zu Unterhalten, ich warte allerdings nicht so lange und lief direkt zum Eingang.
Ungeduldig warte ich auf Dr. Tado und grade als ich mir meine Schuhe anziehen wollte, streckte mir jemand diese entgegen. Es war der Hybride der sich unbemerkt genähert hatte, ich hatte ein mulmiges Gefühl. Auf der einen Seite war es ein höffliches Kind, auf der anderen ein Millionen-Dollar-Experiment. Ein „Danke“ konnte ich noch hervor bringen, bevor der Hybride verschwand.
Während ich mich setzte und meine Schuhe anzog spürte ich, wie sich hinter mir jemand näherte, es war Dr. Tado, der sich inzwischen etwas Normales angezogen hatte „Es ist ein Wunder, meinen Sie nicht?“ fragte er
Ich nickte und frage neugierig, was die Rüstung sollte.
Ein harsches „Wurden sie schon einmal von einem Hybriden getreten? Kinder können schon fest zutreten, diese Hybriden sind stärker als Kinder und ich bin nicht mehr der Jüngste“ schallte mir entgegen.
Er setzte sich und hob eines seiner Hosen Beine, es war übersäht von blauen Flecken.
Ich wollte ihm zuerst raten, damit zum Arzt zu gehen, doch was würde dann passieren. Nicht jeder wusste, das er hier einen Hybriden trainierte und der Doktor war erwachsen, er musste selber wissen was er tat.
Ich fragte ihn daher lieber „Welche Kampfkunst wird unterrichtet, Doktor?“
Pistolenartig antworte er mit „Bujinkan und Kenjutsu“.
Ich fragte neugierig was der Unterschied sei, anschließend erfuhr ich, dass Bujinkan eine japanische Kampfkunst sei und Kenjutsu wären einige Schwerttechniken.
Ich fragte mich, wofür die Hybriden so etwas können sollten, Sabotage und Schusswaffen, darauf lag der militärische Fokus. Doch ich richtete mein Interesse der Arbeit am neuen Labor und unterhielt mich lieber darüber. Schließlich war Tado dafür verantwortlich und musste alle Planungen und Organisationen selbst vornehmen.
Während wir uns weiter unterhielten kam Akira zurück, er trug ein großes Tablett mit drei Schüsseln und Stäbchen darauf.
„Wundern sie sich nicht, warum es drei Schüsseln sind?“ kicherte der Japaner neugierig.
„Ja, schon“ entgegnete ich.
„Ich würde sie gerne zum Essen Einladen“ meinte Dr.Tado.
Dankend nahm ich sein Angebot an, ich hatte den ganzen Tag noch nichts gegessen.
Er nahm sich die Stäbchen und eine Schüssel vom Tablett und neigte seinen Kopf dankend dem Hybriden entgegen. Anschließend stand der Hybride mir gegenüber. „Nehmen sie ruhig, er beißt nicht“, scherzte Tado.
Etwas wiederwillig nahm ich die Schüssel entgegen und senkte meinen Kopf etwas, ohne es zu wollen starte ich in die lilafarbenen Augen mit denen mich Akira beobachtete. Der Hybride legte das Tablett auf den Boden und reichte mir die Stäbchen. Ich starrte ihn einen langen Moment an, bis Tado mir auf die Schulter klopfte. „Nehmen sie schon, oder können sie nicht mit Stäbchen essen? fragte er, „Wir haben auch anderes Besteck“ fügte Tado hinzu. Doch ich nickte und griff nach den Stäbchen.
Ich hatte so einen Hunger und verschlang die Nudelsuppe. Ich hatte seit Jahren schon nicht mehr so etwas Leckeres gegessen. Das standardisiere Essen in der Kantine konnte mit dieser Suppe nicht mithalten. „Wirklich Köstlich Dr.“ schnaufte ich und schaute zum Doktor. „Ihre Komplimente müssen sie dem Koch widmen“, entgegnete mir Tado. „Und wo ist dieser?“, wollte ich neugierig wissen. Immerhin würde ich immer eine frische Suppe der Kantine vorziehen. „Sitz neben dir“ meinte Tado
Ich blickte zu meiner Linken und dort saß Akira. „Er hat das gekocht?“, fragte ich verwundert.
Während der Hybride genüsslich weiter Nudeln in sein Maul stoppfte, hob er leicht seinen Kopf und nickte mir entgegen.
Entgeistert schaute ich zum Doktor „Sie sehen mit Disziplin ist alles Möglich, nur dieser Militärische Drill reicht nicht.“
„Akira, ist den anderen Hybriden überlegen. Seine Testergebnisse sind überdurchschnittlich, er ist nicht so ein Hohlkopf wie die anderen“ scherze er.
„Wer war der Spender?“ wollte ich wissen.
Tado war die Frage sichtlich unangenehm, sein Blick fiel auf den Hybriden den er Anfing zu Streicheln. Der Hybride stoppte abrupt das Essen und senkte seinen Ohren. Er schien das Streicheln sichtlich zu genießen.
Einen Hund zu streicheln, damit hatte ich keine Probleme, doch das hier war etwas anderes. Diese Hybriden wurden für den Krieg geschaffen und ihr Zweck war es, die feindlichen Singarti zu sabotieren und zu dezimieren. Wenn wir in ihnen mehr sehen als eine Waffe, dann könnten wir sie nicht ins Schlachtfeld schicken, genau davor hatte der General gewarnt. Wir dürfen keine Bindung zu ihnen entwickeln, denn das könnte diese Kreaturen beeinflussen.
Doch wer war ich der diesem alten Japaner vielleicht die einzige Freude im Leben zu verwehren?
Ich wusste, dass er sich immer einen Sohn gewünscht hatte und wenn er diesem Hybriden japanische Kampfkünste beibrachte, wen würde das stören. Vielleicht hilft ihm dieses Wissen sogar bei seinen späteren Einsätzen. Jeder durfte mit seiner Freizeit machen, was er wollte und solange es nicht direkt verboten war, soll doch der verrückte Japaner sein Privat-Projekt weiter vorführen.
„Haben Sie schon einmal einen Hybriden angefasst?“
Ich war auf die Frage nicht vorbereitet und verneinte.
„Nur zu“, sagte Tado.
Vorsichtig tat ich dem Japaner den Gefallen. Das Fell fühlte sich anders an, als bei Hunden. Es war viel weicher und kuscheliger.
„Bevor sie fragen, warum es so weich ist. Akira ist noch ein Kind oder eben ein Welpe in diesem Stadium ist das Fell noch viel weicher, als das eines ausgewachsenen Hybriden“, erklärte der Doktor.
„Irgendwann steht der Fellwechsel an und das weiche Fell muss einem robusterem weichen“ fügte er hinzu.
Dr. Tado fing plötzlich an, über seine Vergangenheit zu sprechen. Man merkte ihm an, dass er überfordert war, oft versprach er sich. Vielleicht war das Training zu Anstrengend vielleicht war die Planung und Organisation dieses Großprojektes oder die hohe Verantwortung zu viel für ihn.
Ob dieser Akira, eine Art Sohn-Ersatz für ihn war, spielte für mich erstmals keine Rolle. Immerhin das wussten wir alle, hatte sich Tado immer einen Sohn gewünscht doch die Singarti haben ihm einen Strich durch die Rechnung gemacht. Während er in der Kyoto-Universität Molekularbiologie und Genetik unterrichtete, wurde er Zeuge der blinden Zerstörung der Singarti. Fast die Hälfte der Bevölkerung Kyotos wurde damals getötet. Dr. Tadas Frau war unter den Opfern, sie hatte bei der Evakuierung des Teishin-Krankenhauses geholfen und wurde dabei von abstürzenden Trümmerteilen erschlagen. Er kam nie über ihren Tod hinweg. Er hatte sich nie verziehen nicht bei ihr gewesen zu sein, er wäre lieber dort mit ihr gestorben als nun ein trostloses Leben zu führen. Das sagte er zumindest immer, wenn er nachts zu viel getrunken hatte.
Dr. Tado verabschiedete sich und scherzte, dass ich mir keine Sorge über Hybriden-Haare in der Suppe machen müsste. Akira würde kaum Fell verlieren und darauf achten das nichts in die Suppe kommt.
Anschließend lief er zurück ins Dojo, wo er zusammen mit dem Hybriden anfing zu meditieren.
Ich weiß nicht ob er diesen Akira zum tödlichsten Killer des Planeten machen will, oder ob er nur einen Sohn-Ersatz braucht. Ich weiß nur dass Dr. Tado schon lange nicht mehr so entspannt und fröhlich gesehen hatte.